Die Geschichte von Meine Damen und Herren
1995, während der Dreharbeiten zu dem Dokumentarfilm Station 17 – der Film zeigt sich, dass einige Alsterdorfer nicht nur witzige Musiker und skurrile Typen sind, sondern darüber hinaus auch noch schauspielerisches Talent besitzen. Obwohl bis zu dem Zeitpunkt keiner der geistig Behinderten weiß, was Theater eigentlich ist, entzündet sich an dieser Entdeckung und an den Erfahrungen mit der professionellen Arbeit der Band die Idee, eine eigene Theatergruppe zu gründen. Die Initiative und Leitung übernimmt Thomas Cold, Sozialpädagoge und Musiker mit eigener jahrelanger Theatererfahrung.
Gleich für das erste Projekt gewinnt das Projekt Station17 die Regisseurin Barbara Neureiter, die mit ihrer freien Gruppe Babylon auf Kampnagel in Hamburg angesiedelt ist und sich mit ebenso experimentellen wie radikalen Inszenierungen einen Namen gemacht hat – gute Voraussetzungen für die unkonventionelle Arbeit mit geistig behinderten Menschen.
Die Arbeit von Meine Damen und Herren (ex station17theater) folgt der Philosophie von Station 17, primär professionelle Kunstprodukte zu erarbeiten. Jede Produktion muss professionell genug sein, dass sie sich auf dem freien Markt behaupten kann – und nicht nur in einem eigens dafür geschaffenen Schonraum. Der so formulierte Imperativ hat schon für die erste Produktion von station17theater neben dem Engagement einer Regisseurin aus der Hochkultur (und nicht auch der Sozialpädagogik) zur Folge, dass kein behindertenspezifisches Stück, sondern ein klassisches Drama erarbeitet werden soll. Zudem wird geplant, die Behinderten nicht allein, sondern zusammen mit professionellen Schauspielern agieren zu lassen.
Bis zur Realisierung vergeht ein Jahr. Die Idee, Shakespeares Sommernachtstraum zu spielen, entsteht und nimmt Gestalt an. Als Anschubfinanzierung können Gelder aus dem Ressort „Interkulturelle Projekte“ der Hamburger Kulturbehörde eingeholt werden. Die eigentliche Produktion kommt schließlich als Koproduktion von Babylon, Station17, der Stiftung Alsterdorf und der Kampnagelfabrik zustande, unterstützt aus dem Topf der „Freien Theatergruppen“ der Kulturbehörde Hamburg.
In ein- bis zweimonatigen Ausbildungseinheiten werden einige Musiker von station 17 und etliche Bewohner der Stiftung - alle völlig fei von jedweder Theatererfahrung - auf ihre Bühnenbegabung getestet. Mit gemeinsamen Theaterbesuchen betreten alle eine völlig neue Welt. Durch Wahrnehmungs- und Kontaktübungen lernen die „Inselmenschen“, einander zu beachten und miteinander zu spielen; Stimm- und Körperübungen schärfen die Ausdrucksmöglichkeiten und ermöglichen gleichzeitig eine Auswahl der Begabtesten und sozial Befähigtesten. Nach einem halben Jahr und drei Werkstattpräsentationen hat sich herauskristallisiert, wer für die professionellen Auftritte geeignet ist. Und die acht Schauspieler aus Alsterdorf lieben es bereits, im Mittelpunkt zu stehen, Applaus zu bekommen.
Im April 1996 ist es dann soweit: Der Sommernachtstraum feiert Premiere in der Halle K1 auf Kampnagel. Die Alsterdorfer spielen den Wald, die Handwerker, die fröhlich vor sich hin werkeln, singen, tanzen, rennen und Witze erzählen. Unter der engen Führung von Puck, gespielt von Filmstar Stefan Kurt, zeigen sie, was sie alles können, wenn man sie nur lässt – als Individuen mit speziellen Begabungen ebenso wie in der Gruppe. Insbesondere ihre ungebremste Art des Drauflosspielens rührt die Zuschauer. Die Aufführung wird ein großer Erfolg bei Publikum und Presse. 18 weitere ausverkaufte Aufführungen in Hamburg folgen, außerdem Gastspiele in Hannover, Dresden und Zürich.
Ende 1999 startet die zweite Hausproduktion von station17theater unter der Leitung des Regisseurs und Schauspielers Max Eipp, kann aber leider nicht zur Bühnenreife entwickelt werden. Die Dreigroschenoper ist bereits bis zu einer ersten Werkstattpräsentation im Februar 2000 mit einem Orchester und drei singenden Schauspielern gediehen, dann geht es aus urheberrechtlichen Gründen nicht weiter. Der Versuch, die feste Form des Brecht’schen Theaters der offenen Theaterform mit behinderten Schauspielern anzunähern, scheitert an den strengen Vorgaben der Aufführungsrechte. Die Stücke hätten original gespielt und gesungen werden müssen – mit den Alsterdorfern ist das weder gewünscht noch möglich.
Aber: Adelheid Müther, die aktuelle Regisseurin des Theater! wird durch eben diese Werkstattpräsentation infiziert. Die erfahrene Regisseurin, die lange Jahre als Schauspieldirektorin in Kassel gearbeitet hatte, ist von ihrer ersten Begegnung während der Dreigroschen Wertkschau, von den geistig behinderten Schauspielern so hingerissen, dass sie unbedingt mit ihnen arbeiten will. Kein Problem für die Künstlerische Leitung, denn Regiewechsel und die damit verbundene ästhetische Vielseitigkeit sind in der Arbeit des Theater! als Bereicherung sowohl der Beteiligten als auch der Kulturszene explizit vorgesehen.
Adelheid Müther nimmt sich ein halbes Jahr Zeit, neue Schauspieler aus Alsterdorf zu finden und einen neuen Zugang zum gesamten Projekt zu entwickeln. In szenischer Arbeit soll der Schwerpunkt stärker auf das spezifische Potenzial der Alsterdorfer, ihre Authentizität und individuelle Ausdruckskraft gelegt werden und losgelöst von vorgegebenen Rollen zur Entfaltung auf der Bühne kommen.
Viele Ideen kommen dabei von den Behinderten selbst. So entstehen die Vier Jahreszeiten, ein poetisches und starkes Stück Körpertheater, die im Februar 2002 auf Kampnagel unter der Regie von Adelheid Müther Premiere feiern. Alle Texte stammen von den behinderten Künstlern und werden von Gustav Peter Wöhler gesprochen. Die Vier Jahreszeiten vertuschen oder betonen nicht das Befremdliche an der Behinderung – sie eröffnen einen anderen Blickwinkel, mit Poesie, Witz und Leichtigkeit. Alle acht Vorstellungen sind ausverkauft. Im Herbst 2003 wird die Produktion zwei Mal erfolgreich wieder aufgenommen. Erneut vor ausverkauftem Haus.
Professionelle Aufträge folgten: Im Herbst 2003 produziert Station17theater eine Modenschau für Arbeitsschutzbekleidung als Auftragsarbeit für den bwg Kongress im CCH Hamburg.
Im Oktober zieht station17theater in die ersten eigenen Probe- und Arbeitsräume in den Medienbunker an der Feldtraße 66. Im Sommer 2005 wird aus Station 17theater offiziell Meine Damen und Herren.