Geschichte von Meine Damen und Herren
Die Geschichte des Ensembles Meine Damen und Herren ist bis Ende 2005 die Geschichte des Station 17 Theaters und der Band Station 17
Seit Herbst 2005 nennt sich das Ensemble des Station 17 Theaters Meine Damen und Herren. Hervorgegangen war das Station 17 Theater 1995 aus der gleichnamigen Band Station17, die zwischen 1991und 2001 durch große Medienaufmerksamkeit die bekannteste Band mit behinderten und nichtbehinderten Künstlern/ Musiker in Deutschland war.
Kurzer Abriss der Geschichte der Band Station 17:
- Fünf CDs sind entstanden und veröffentlicht: "Station 17"(1991), "Genau So" (1993), "Scheibe" (1997), "Bravo" (1999) und das Remix-Album „Hitparade“ (2001) mit namhaften Produzenten.
- Station 17 war an zwei Filmen beteiligt "Labendig" (1993), "Eiffe, alle Ampeln auf Gelb" "(1994) und hat mit "Station 17-Der Film" (1995) ein eigenes Filmprojekt veröffentlicht.
- Station 17 machte zahlreiche nationale/internationale Tourneen und spielte auf namhaften Festivals, u.a. auf dem Jazz Festival Moers (1999) und auf dem Hurricane Festival in Scheeßel und mit den Stranglers in Heiligenhafen (2000).
Produktionsvita des Ensembles Meine Damen und Herren (Ex-Station 17 Theater)
1995
Im Frühjahr Fertigstellung des Projektes „Station 17 - Der Film“, Regie Hannes Schönemann und Frank Stolp. Premiere des Films im Mai, im Alabama Kino auf Kampnagel. Der Film ist später in verschiedenen Programmkinos zu sehen, auf Festivals, in gekürzter Fassung bei RTL und 1999 als dreiteilige Serie im DSF. Im Herbst beginnt die Theaterarbeit mit Einrichtung eines Theaterraumes und einem ersten Workshop für den Sommernachtstraum.
1996
In der ersten Jahreshälfte finden drei Theaterworkshops statt, in denen die behinderten DarstellerInnen auf ihre Rollen in Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ vorbereitet werden.
Als Co-Produktion von Station 17 mit der Hamburger Theatergruppe "babylon", Kampnagel Hamburg, der Ev. Stiftung Alsterdorf unter der Regie von Barabara Neureiter entsteht die Theaterproduktion "Ein Sommernachtstraum" unter der Mitwirkung von renommierten Schauspielern, u.a. Stefan Kurt (als Puck).
Die Entwicklung des Stückes bis zur Premiere begleitet Manfred Bannenberg mit der Kamera, seinen Dokumentarfilm nennt er „Ein neuer Sommernachtstraum“. Der Film wird im NDR nach der Premiere gesendet und später auf 3Sat in langer Fassung mit Ausschnitten aus der Aufführung wiederholt.
Im September hat der „Ein Sommernachtstraum“ Premiere auf Kampnagel, Hamburg. Die acht Aufführungen sind schon vor der Premiere ausverkauft, so dass zusätzliche Vorstellungen gegeben werden müssen.
1997
Im Februar wird „Ein Sommernachtstraum“ noch vier weitere Male auf Kampnagel aufgeführt. Ende Juli finden Gastspiele in Dresden (Hellerau) und Ende Oktober mit je vier Aufführungen in Zürich (Theater an der Gessnerallee) statt, alle Vorstellungen sind ausverkauft.
1998
Im Februar werden zwei letzte Aufführungen von „Ein Sommernachtstraum“ in Hannover (Theater im Ballhaus) gegeben.
1999
Unter der Leitung des Regisseurs und Schauspielers Max Eipp startet das Station17Theater eine Adaption „Der Dreigroschenoper“ von B. Brecht. Über eine Werkstattpräsentation hinaus kann das Stück aus urheberrechtlichen Gründen nicht zur Bühnenreife entwickelt werden.
2000
Beginn der Vorbereitungen zum neuen Theaterprojekt „Vier Jahreszeiten“ unter der Leitung der Regisseurin Adelheid Müther. Ein poetisches und starkes Stück Körpertheater mit Musik der Band Station 17. Alle Texte stammen von den behinderten Künstlern und werden vom Schauspieler Gustav Peter Wöhler gesprochen.
2002
Am 27. Februar Premiere von „Vier Jahreszeiten“ auf Kampnagel, Hamburg. Alle acht Vorstellungen sind ausverkauft.
2003
Im Herbst wird die Produktion zwei Mal erfolgreich wieder aufgenommen. Erneut vor ausverkauftem Haus. Ebenfalls im Herbst produziert Station17Theater eine Modenschau für Arbeitsschutzbekleidung als Auftragsarbeit für den Kongress der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (bwg) im CCH Hamburg. Im Oktober zieht das Station17Theater in die ersten eigenen Probe- und Arbeitsräume in den Medienbunker an der Feldstraße 66, St. Pauli.
2004
Im Juni spielt das Station17Theater „Grausame Geschichten von Sabinchen und Herrn Messer“ als Straßentheater auf dem Gerhart Hauptmann Platz. Regie: Martina Vermaaten.Im September Aufführung der Performance „Speisung“ in der Langen Nacht der Theater auf Kampnagel. Explorationsphase zu einem neuen Stück, das auf Ernst Jandls Gedichtzyklus „Idyllen“ basiert. Zum ersten Mal übernehmen die Darsteller Sprechrollen auf der Bühne. Adelheid Müther führt Regie. Eine Werkschau im November 2004.
2005
Umbenennung des Station17Theater in Meine Damen und Herren. Im September Teilnahme an der Langen Nacht der Theater auf Kampnagel mit Szenen aus den „Idyllen“. Am 30. November Premiere der „Idyllen“ auf Kampnagel, Hamburg.
Geschichte des Ensembles Meine Damen und Herren (Ex-Station 17 Theater)
1995, während der Dreharbeiten zu dem Dokumentarfilm „Station 17 – der Film“ zeigt sich, dass einige Alsterdorfer nicht nur witzige Musiker und skurrile Typen sind, sondern darüber hinaus auch noch schauspielerisches Talent besitzen. Obwohl bis zu dem Zeitpunkt keiner der geistig Behinderten weiß, was Theater eigentlich ist, entzündet sich an dieser Entdeckung und an den Erfahrungen mit der professionellen Arbeit der Band die Idee, eine eigene Theatergruppe zu gründen. Die Initiative und Leitung übernimmt Thomas Maier, Sozialpädagoge und Musiker mit eigener jahrelanger Theatererfahrung.
Gleich für das erste Projekt gewinnt das Projekt Station17 die Regisseurin Barbara Neureiter, die mit ihrer freien Gruppe Babylon auf Kampnagel in Hamburg angesiedelt ist und sich mit ebenso experimentellen wie radikalen Inszenierungen einen Namen gemacht hat – gute Voraussetzungen für die unkonventionelle Arbeit mit geistig behinderten Menschen.
Die Arbeit von Meine Damen und Herren (Ex-Station17 Theater) folgt der Philosophie von Station 17 primär professionelle Kunstprodukte zu erarbeiten. Jede Produktion muss professionell genug sein, dass sie sich auf dem freien Markt behaupten kann – und nicht nur in einem eigens dafür geschaffenen Schonraum. Der so formulierte Imperativ hat schon für die erste Produktion von Station 17 Theater neben dem Engagement einer Regisseurin aus der Hochkultur (und nicht auch der Sozialpädagogik) zur Folge, dass kein behindertenspezifisches Stück, sondern ein klassisches Drama erarbeitet werden soll. Zudem wird geplant, die Behinderten nicht allein, sondern zusammen mit professionellen Schauspielern agieren zu lassen.
Bis zur Realisierung vergeht ein Jahr. Die Idee, Shakespeares Sommernachtstraum zu spielen, entsteht und nimmt Gestalt an. Als Anschubfinanzierung können Gelder aus dem Ressort „Interkulturelle Projekte“ der Hamburger Kulturbehörde eingeholt werden. Die eigentliche Produktion kommt schließlich als Koproduktion von Babylon, Station 17, der Stiftung Alsterdorf und der Kampnagelfabrik zustande, unterstützt aus dem Topf der „Freien Theatergruppen“ der Kulturbehörde Hamburg.
In ein- bis zweimonatigen Ausbildungseinheiten werden einige Musiker von Station 17 und etliche Bewohner der Stiftung - alle völlig fei von jedweder Theatererfahrung - auf ihre Bühnenbegabung getestet. Mit gemeinsamen Theaterbesuchen betreten alle eine völlig neue Welt. Durch Wahrnehmungs- und Kontaktübungen lernen die „Inselmenschen“, einander zu beachten und miteinander zu spielen; Stimm- und Körperübungen schärfen die Ausdrucksmöglichkeiten und ermöglichen gleichzeitig eine Auswahl der Begabtesten und sozial Befähigtesten. Nach einem halben Jahr und drei Werkstattpräsentationen hat sich herauskristallisiert, wer für die professionellen Auftritte geeignet ist. Und die acht Schauspieler aus Alsterdorf lieben es bereits, im Mittelpunkt zu stehen, Applaus zu bekommen.
Im April 1996 ist es dann soweit: „Ein Sommernachtstraum“ feiert Premiere in der Halle K1 auf Kampnagel. Die Alsterdorfer spielen den Wald, die Handwerker, die fröhlich vor sich hin werkeln, singen, tanzen, rennen und Witze erzählen. Unter der engen Führung von Puck, gespielt von Filmstar Stefan Kurt, zeigen sie, was sie alles können, wenn man sie nur lässt – als Individuen mit speziellen Begabungen ebenso wie in der Gruppe. Insbesondere ihre ungebremste Art des Drauflosspielens rührt die Zuschauer. Die Aufführung wird ein großer Erfolg bei Publikum und Presse. 18 weitere ausverkaufte Aufführungen in Hamburg folgen, außerdem Gastspiele in Hannover, Dresden und Zürich.
Ende 1999 startet die zweite Hausproduktion von station17theater unter der Leitung des Regisseurs und Schauspielers Max Eipp, kann aber leider nicht zur Bühnenreife entwickelt werden. „Die Dreigroschenoper“ ist bereits bis zu einer ersten Werkstattpräsentation im Februar 2000 mit einem Orchester und drei singenden Schauspielern gediehen, dann geht es aus urheberrechtlichen Gründen nicht weiter. Der Versuch, die feste Form des Brecht’schen Theaters der offenen Theaterform mit behinderten Schauspielern anzunähern, scheitert an den strengen Vorgaben der Aufführungsrechte. Die Stücke hätten original gespielt und gesungen werden müssen – mit den Alsterdorfern ist das weder gewünscht noch möglich.
Aber: Adelheid Müther, die aktuelle Regisseurin von Meine Damen und Herren wird durch eben diese Werkstattpräsentation infiziert. Die erfahrene Regisseurin, die lange Jahre als Schauspieldirektorin in Kassel gearbeitet hatte, ist von ihrer ersten Begegnung während der Werkschau der Dreigroschenoper von den geistig behinderten Schauspielern so hingerissen, dass sie unbedingt mit ihnen arbeiten will. Kein Problem für die Künstlerische Leitung, denn Regiewechsel und die damit verbundene ästhetische Vielseitigkeit sind in der Arbeit von meine Damen und Herren als Bereicherung sowohl der Beteiligten als auch der Kulturszene explizit vorgesehen.
Adelheid Müther nimmt sich ein halbes Jahr Zeit, neue Schauspieler aus Alsterdorf zu finden und einen neuen Zugang zum gesamten Projekt zu entwickeln. In szenischer Arbeit soll der Schwerpunkt stärker auf das spezifische Potenzial der Alsterdorfer, ihre Authentizität und individuelle Ausdruckskraft gelegt werden und losgelöst von vorgegebenen Rollen zur Entfaltung auf der Bühne kommen. Viele Ideen kommen dabei von den Behinderten selbst. So entstehen die „Vier Jahreszeiten“, ein poetisches und starkes Stück Körpertheater, die im Februar 2002 auf Kampnagel unter der Regie von Adelheid Müther Premiere feiern.
Alle Texte stammen von den behinderten Künstlern und werden von Gustav Peter Wöhler gesprochen. Die Vier Jahreszeiten vertuschen oder betonen nicht das Befremdliche an der Behinderung – sie eröffnen einen anderen Blickwinkel, mit Poesie, Witz und Leichtigkeit. Alle acht Vorstellungen sind ausverkauft. Im Herbst 2003 wird die Produktion zwei Mal erfolgreich wieder aufgenommen. Erneut vor ausverkauftem Haus.