Die Anfänge

Der Beginn des Theaters Meine Damen und Herren

Die Entdeckung akustischer Kleinodien, die Menschen mit geistiger Behinderung von sich geben oder mit ihrem Körper produzieren können, führte zur Gründung der Band „Station 17“. Benannt nach der Wohngruppe 17 des Karl-Witte-Hauses, auf dem Gelände der Stiftung Alsterdorf in Hamburg gelegen. 1991 gibt Station 17 ihre erste CD heraus, auf der die Alsterdorfer als Sänger oder Musiker spielen. Das Medienecho ist groß und Station 17 wird zur gefragten Band mit Handicap, die im professionellen Musikbusiness spielt.

1995, während der Dreharbeiten zu dem Dokumentarfilm „Station 17 – der Film“ zeigt sich, dass einige Bewohner der Evangelischen Stiftung Alsterdorf nicht nur witzige Musiker und skurrile Typen sind, sondern darüber hinaus auch noch schauspielerisches Talent besitzen. Obwohl bis zu dem Zeitpunkt keiner der geistig behinderten Musiker weiß, was Theater eigentlich ist, entzündet sich an dieser Entdeckung und an den Erfahrungen mit der professionellen Arbeit der Band Station 17 die Idee, eine eigene Theatergruppe zu gründen. Die Initiative und Leitung übernimmt Thomas Cold, Sozialpädagoge und Musiker mit eigener jahrelanger Theatererfahrung.
Gleich für das erste Projekt kann Regisseurin Barbara Neureiter gewonnen werden, die mit ihrer freien Gruppe Babylon auf Kampnagel in Hamburg angesiedelt ist und sich mit ebenso experimentellen wie radikalen Inszenierungen einen Namen gemacht hat – gute Voraussetzungen für die unkonventionelle Arbeit mit geistig behinderten Menschen.

Thomas Cold arbeitet mit einem SchauspielerDie Arbeit von Meine Damen und Herren (ex Station17Theater) folgt der Philosophie von Station 17, primär professionelle Kunstprodukte zu erarbeiten. Jede Produktion muss professionell genug sein, dass sie sich auf dem freien Markt behaupten kann – und nicht nur in einem eigens dafür geschaffenen Schonraum. Der so formulierte Imperativ hat schon für die erste Produktion von Station17Theater neben dem Engagement einer Regisseurin aus der Hochkultur zur Folge, dass kein behindertenspezifisches Stück, sondern ein klassisches Drama erarbeitet werden soll. Zudem wird geplant, die Behinderten nicht allein, sondern zusammen mit professionellen Schauspielern agieren zu lassen.

Bis zur Realisierung vergeht ein Jahr. Die Idee, Shakespeares „Sommernachtstraum“ zu spielen, entsteht und nimmt Gestalt an. Als Anschubfinanzierung können Gelder aus dem Ressort „Interkulturelle Projekte“ der Hamburger Kulturbehörde eingeholt werden. Die eigentliche Produktion kommt schließlich als Koproduktion von Babylon, Station17, der Stiftung Alsterdorf und der Kampnagelfabrik zustande, unterstützt aus dem Topf der „Freien Theatergruppen“ der Kulturbehörde Hamburg.

In ein- bis zweimonatigen Ausbildungseinheiten werden einige Musiker von station 17 und etliche Bewohner der Stiftung - alle völlig fei von jedweder Theatererfahrung - auf ihre Bühnenbegabung hin getestet. Mit gemeinsamen Theaterbesuchen betreten alle eine ihnen völlig neue Welt. Durch Wahrnehmungs- und Kontaktübungen lernen die „Inselmenschen“, einander zu beachten, aufeinander zu reagieren und miteinander zu spielen. Stimm- und Körperübungen schärfen die Ausdrucksmöglichkeiten und führen zu einer Auswahl der Begabtesten und sozial Befähigten. Nach einem halben Jahr und drei Werkstattpräsentationen hat sich heraus kristallisiert, wer für die professionellen Auftritte geeignet ist. Diese acht Schauspieler aus Alsterdorf lieben es bereits, im Mittelpunkt zu stehen und Applaus zu bekommen.

Sommernachtstraum 1996Im April 1996 ist es dann soweit: „Der Sommernachtstraum“ feiert Premiere in der Halle K1 auf Kampnagel. Die Alsterdorfer spielen den Wald, die Handwerker, die fröhlich vor sich hin werkeln, singen, tanzen, rennen und Witze erzählen. Unter der engen Führung von Puck, gespielt von Filmstar Stefan Kurt, zeigen sie, was sie alles können, wenn man sie nur lässt – als Individuen mit speziellen Begabungen, ebenso wie in der Gruppe. Insbesondere ihre ungebremste Art des Drauflosspielens rührt die Zuschauer. Die Aufführung wird ein großer Erfolg bei Publikum und Presse. 18 weitere ausverkaufte Aufführungen in Hamburg folgen, außerdem Gastspiele in Hannover, Dresden und Zürich.

Ende 1999 startet die zweite Hausproduktion des Station17Theaters unter der Leitung des Regisseurs und Schauspielers Max Eipp, kann aber leider nicht zur Bühnenreife entwickelt werden. „Die Dreigroschenoper“ ist bereits bis zu einer ersten Werkstattpräsentation im Februar 2000 mit einem Orchester und drei singenden Schauspielern gediehen, dann geht es aus urheberrechtlichen Gründen nicht weiter. Der Versuch, die feste Form des Brecht’schen Theaters der offenen Theaterform mit behinderten Schauspielern anzunähern, scheitert an den strengen Vorgaben der Aufführungsrechte. Die Stücke hätten original gespielt und gesungen werden müssen – mit den Alsterdorfern ist das weder gewünscht noch möglich.

Aber: Adelheid Müther wird durch eben diese Werkstattpräsentation infiziert. Die erfahrene Regisseurin, die lange Jahre als Schauspieldirektorin in Kassel gearbeitet hatte, ist bei ihrer ersten Begegnung von den geistig behinderten Schauspielern so hingerissen, dass sie unbedingt mit ihnen arbeiten will. Kein Problem für die künstlerische Leitung, denn Regiewechsel und die damit verbundene ästhetische Vielseitigkeit sind in der Arbeit des Theaters als Bereicherung, sowohl der Beteiligten, als auch der Kulturszene explizit vorgesehen. Adelheid Müther nimmt sich ein halbes Jahr lang Zeit, neue Schauspieler aus Alsterdorf zu finden und einen neuen Zugang zum gesamten Projekt zu entwickeln. In szenischer Arbeit soll der Schwerpunkt stärker auf das spezifische Potenzial der Protagonisten, auf ihre Authentizität und individuelle Ausdruckskraft gelegt werden und losgelöst von vorgegebenen Rollen zur Entfaltung auf der Bühne kommen.

Eine Szene aus Vier JahrezeitenViele Ideen kommen dabei von den Spielern mit Behinderung selbst. So entstehen die „Vier Jahreszeiten“, ein poetisches und starkes Stück Körpertheater, das im Februar 2002 auf Kampnagel unter der Regie von Adelheid Müther Premiere feierte.  Alle Texte stammen von den behinderten Künstlern und werden von Gustav Peter Wöhler gesprochen. Die Vier Jahreszeiten vertuschen oder betonen nicht das Befremdliche an der Behinderung – sie eröffnen einen anderen Blickwinkel, mit Poesie, Witz und Leichtigkeit.  Alle acht Vorstellungen sind ausverkauft. Im Herbst 2003 wird die Produktion zwei Mal erfolgreich wieder aufgenommen. Erneut vor ausverkauftem Haus.

Professionelle Aufträge folgen: Im Herbst 2003 produziert Station17Theater eine Modenschau für Arbeitsschutzbekleidung als Auftragsarbeit für den Kongress der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und der Wohlfahrtspflege (bwg) im CCH Hamburg.

Im Oktober zieht Station17Theater in die ersten eigenen Probe- und Arbeitsräume in den Medienbunker an der Feldstraße 66. Im Sommer 2005 wird aus Station17Theater offiziell Meine Damen und Herren.

 

Kurze Geschichte der Band Station 17


Die Geschichte des Ensembles Meine Damen und Herren ist bis Ende 2005 die Geschichte des Station17Theaters und der Band Station 17.

Hervorgegangen war die Theatergruppe Station17Theater 1995 aus der gleichnamigen Band Station 17, die zwischen 1991 und 2001 durch große Medienaufmerksamkeit die bekannteste Band mit behinderten und nichtbehinderten Künstlern/ Musiker in Deutschland war.

Kurzer Abriss der Geschichte der Band Station 17:

  • Fünf CDs sind veröffentlicht: "Station 17" (1991), "Genau So" (1993), "Scheibe" (1997), "Bravo" (1999) und das Remix-Album „Hitparade“ (2001) mit namhaften Produzenten.

  • Station 17 war an zwei Filmen beteiligt: "Labendig" (1993), "Eiffe, alle Ampeln auf Gelb" (1994). Und hat mit "Station 17 - Der Film" (1995) ein eigenes Filmprojekt veröffentlicht.

  • Station 17 machte zahlreiche nationale und internationale Tourneen und spielte auf namhaften Festivals, u.a. auf dem Jazz Festival Moers (1999) und auf dem Hurricane Festival in Scheeßel und mit den Stranglers in Heiligenhafen (2000).